Tagebuch

Menschenüberfluß

Jeder Mensch spricht seine eigene Sprache

Kultur oder Bildung: wer hat mehr denn achthundert Kinder, beiderlei Geschlechtes, im Alter von sechs bis dreizehn Jahren, in relativ kurzer Zeit, ermordet(Lustmorde)?

Auf dem Gebiet der sexuellen Moral wünschen die Sozialdemokraten keinen Zweifel darüber aufkommen zu lassen, daß das Wort „Genosse“ nicht von „genießen“ stammt.

Ich weiß ganz genau, welche ungebetenen Gedanken ich nicht über die Schwelle meines Bewusstseins lasse.

Die wahre Grausamkeit ist von keinem Machtmittel beschränkt.

Als stärkster Erschwerungsgrund galt mir immer, daß einer nichts dafür gekonnt hat.

Gedanken sind zollfrei. Aber man hat doch Scherereien.

Eine schöne, aber keine echte Flamme der Sinnlichkeit, wenn sich der Spiritus entzündet.

Die Frau ist da, damit der Mann durch sie klug werde. Er wird es nicht, wenn er aus ihr nicht klug werden kann. Oder wenn sie zu klug ist.

Die Persönlichkeit hat’s in sich, das Talent an sich.

Gestehen wir es uns nur ein, die Menschheit ist seit der Einführung der Menschenrechte auf den Hund gekommen.

Als es noch keine Menschenrechte gab, hatte es der Vorzugsmensch. Das war inhuman. Dann wurde die Gleichheit hergestellt, indem dem Vorzugsmenschen die Menschenrechte aberkannt wurden.

Vervielfältigung ist insofern ein Fortschritt, als sie die Verbreitung des Einfältigen ermöglicht.

Besser, es wird einem nichts gestohlen. Dann hat man wenigstens keine Unannehmlichkeiten mit der Polizei.

Mein Wunsch, man möge meine Sachen zweimal lesen, hat große Erbitterung erregt. Mit Unrecht, der Wunsch ist bescheiden. Ich verlange ja nicht, daß man sie einmal liest.

Auch ein anständiger Mensch kann, vorausgesetzt, daß es nie herauskommt, sich heutzutage einen geachteten Namen schaffen.

Wie souverän doch ein Dummkopf die Zeit behandelt! Er vertreibt sie sich oder schlägt sie tot. Und sie lässt sich das gefallen. Denn man hat noch nie gehört, daß die Zeit sich einen Dummkopf vertrieben oder totgeschlagen hat.

Ich bin für eine Zersplitterung der Dummheit. Es tut nicht gut, wenn sie wochenlang auf einen Punkt konzentriert ist.

In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige.

Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen?

Die Demokratie teilt die Menschen in Arbeiter und Faulenzer. Für solche, die keine Zeit zur Arbeit haben, ist sie nicht eingerichtet.

Die Sitte verlangt, daß ein Lustmörder den Mord zugebe, aber nicht die Lust.

Las Vegas im März; ich habe nun seit einer Woche kein deutsches Wort gehört und kein amerikanisches verstanden. So lässt es sich’s mit den Menschen leben, alles geht wie am Schnürchen und jedes aufreibende Missverständnis ist ausgeschlossen.

Der achtstündige Arbeitstag: das übrige gehört der Kultur. Und ihr glaubt, daß sie auf das Geschäft eingehen wird.

Man verachte die Leute, die keine Zeit haben. Man beklage die Menschen, die keine Arbeit haben. Aber die Männer, die keine Zeit zur Arbeit haben, die beneide man!

Alles Leben in Staat und Gesellschaft beruht auf der stillschweigenden Voraussetzung, daß der Mensch nicht nachdenkt. Ein Kopf, der nicht in jeder Lage einen aufnahmefähigen Hohlraum darstellt, hat es gar schwer in der Welt.

Die Welt ist das einzige Gefängnis, in dem Einzelhaft vorzuziehen ist.

Eine Notlüge ist immer verzeihlich. Wer aber ohne Zwang die Wahrheit sagt, verdient keine Nachsicht.

Wenn eine Null zu einem Einser stößt, so gibt’s zehn. Solche Vervielfachung kann dem Einser zuweilen passen. Was will aber die auf sich selbst gestellte Null?

Talent ist oft ein Charakterdefekt.

Geistige Zuckerbäcker liefern kandierte Lesefrüchte.

Es gibt Parasiten der Einsamkeit!

Eine umfassende Bildung ist eine gut dotierte Apotheke; aber es besteht keine Sicherheit, daß für Schnupfen Zyankali gereicht wird.

Die Einsamkeit wäre ein idealer Zustand, wenn man sich die Menschen aussuchen könnte, die man meidet.

Ein ganzer Kerl ist einer, der die Lumpereien nie begehen wird, die man ihm zutraut. Ein halber, dem man die Lumpereien nie zugetraut hätte, die er begeht.

Die bloße Mahnung an die Richter, nach besten Wissen und Gewissen zu urteilen, genügt nicht. Es müssten auch Vorschriften erlassen werden, wie klein das Wissen und wie groß das Gewissen sein darf.

Erfahrungen sind Ersparnisse, die ein Geizhals beiseitelegt. Weisheit ist eine Erbschaft, mit der Verschwender nicht fertig wird.

Je größer der Stiefel, desto größer der Absatz.

Gegen den Fluch des Gestaltenmüssens ist kein Kraut gewachsen.

Was einem foltert, sind verlorene Möglichkeiten. Einer Unmöglichkeit sicher zu sein, ist eine wahre Wohltat.

Zu allem lasse man sich Zeit; nur nicht zu den ewigen Dingen.

So lange es innere Deckung gibt, können einem die Verluste des äußeren Lebens nichts anhaben.

Aus Lebensüberdruss zum Denken greifen: ein Selbstmord, durch den man sich das Leben gibt.

Keine Grenze verlockt mehr zum Schmuggeln als die Altersgrenze.

Wenn man nicht weiß, wovon einer lebt, so ist das noch der günstigere Fall. Auch die Volkswirtschaft hat ein wenig Phantasie notwendig.

Ein Blitzableiter auf einem Kirchturm ist das denkbar stärkste Misstrauensvotum gegen den lieben Gott.

Ich beherrsche die Sprache nicht; aber die Sprache beherrscht mich vollkommen. Sie ist mir nicht die Dienerin meiner Gedanken. Ich lebe in einer Verbindung mit ihr, aus der ich Gedanken empfange, und sie kann mit mir machen, was sie will. Ich pariere ihr aufs Wort. Denn aus dem Wort springt mir der junge Gedanke entgegen und formt rückwirkend die Sprache, die ihn schuf. Solche Gnade der Gedankenträchtigkeit zwingt auf die Knie und macht allen Aufwand zitternder Sorgfalt zur Pflicht. Die Sprache ist eine Herrin der Gedanken, und wer das Verhältnis umzukehren vermag, dem, macht sie sich im Hause nützlich, aber sie sperrt ihm den Schoß.
O markverzehrende Wonne der Spracherlebnisse! Die Gefahr des Wortes ist die Lust des Gedankens. Was bog dort um die Ecke? Noch nicht ersehen und schon geliebt! Ich stürze mich in dieses Abenteuer.

Es ist ein Unglück, daß in der Welt mehr Dummheit ist, als die Schlechtigkeit braucht, und mehr Schlechtigkeit, als die Dummheit erzeugt.

Nicht alles, was totgeschwiegen wird, lebt.

Bildung ist das, was die meisten empfangen, viele weitergeben und wenige haben.

Über Zeit und Raum wird so geschrieben, als ob es Dinge wären, die im praktischen Leben noch nie eine Anwendung gefunden haben.

Ein Gedankenstrich ist zumeist ein Strich durch den Gedanken.

Schein hat mehr Buchstaben als Sein.

Die Sprache sei die Wünschelrute, die gedankliche Quellen findet.

Vielwisser dürften in dem Glauben leben, daß es bei der Tischlerarbeit auf die Gewinnung von Hobelspänen ankommt.

Leute, die über den Wissensdurst getrunken haben, sind eine gesellschaftliche Plage.

Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können – dass macht den Journalisten.

Schon mancher hat durch seine Nachahmer bewiesen, daß er kein Original ist.

Ich habe manchen Gedanken, den ich nicht habe und nicht in Worten fassen könnte, aus der Sprache geschöpft.

Die Sprache entscheidet alles, sogar die Frauenfrage. Daß der Name eines Weibes nicht ohne den Artikel bestehen kann, ist ein Argument, das der Gleichberechtigung widerstreitet. Wenn es in einem Bericht heißt, >Müller< sei für das Wahlrecht der Frauen eingetreten, so kann es sich höchstens um einen Feministen handeln, nicht um eine Frau. Denn selbst die emanzipierteste braucht das Geschlechtswort. Der Ausdruck sitze dem Gedanken nicht wie angemessen, sondern wie angegossen. Die Sprache ist die Mutter, nicht die Magd des Gedankens. Humanität ist das Waschweib, der Gesellschaft, das ihre schmutzige Wäsche in Tränen auswindet. Es gibt Heuchler, die mit einer unehrlichen Gesinnung prahlen, um unter solchem Schein sie zu besitzen. Gute Ansichten sind wertlos. Es kommt darauf an, wer sie hat. Wenn eine Kultur fühlt, daß es mit ihr zu Ende geht, lässt sie den Priester kommen. Ein Schein von Tiefe entsteht oft dadurch, daß ein Flachkopf zugleich ein Wirrkopf ist. Ich kenne ein Land, wo die Automaten Sonntagsruhe haben und unter der Woche nicht funktionieren. Wenn dir etwas gestohlen wurde, geh nicht zur Polizei, die das nicht interessiert, und nicht zum Psychologen, den daran nur das eine interessiert, daß eigentlich du etwas gestohlen hast. Haut im Kaffee schmeckt nicht gut, wenn sie nicht bestellt ist. Wer das nur einsieht, wird etwa auch über die Perversität nachzudenken beginnen. Er wird zwischen dem Mangel und der Fähigkeit, ihn zu verantworten, unterscheiden und vor dem Wunder staunen, wie ein Strich des Bewusstseins aus jedem Minus ein Plus macht. Der Gedankenlose denkt, man habe nur dann einen Gedanken, wenn man ihn hat und in Worte kleidet. Er versteht nicht, daß in Wahrheit nur der ihn hat, der das Wort hat, in das der Gedanke hineinwächst. Daß eine Form da war vor einem Inhalt, kann kaum ein Leser dem sichtbaren Gedanken ansehen und soll es auch nicht. Aber man zeige es ihm an dem Versuch, einen, der unter die Bewusstseinsschwelle geraten ist, emporzuziehen. Es wird da vergebens sein, in die Breite zu assoziieren. Es nützt nichts, daß der Finder und Verlierer sich durch stoffliches Tasten in die Nähe bringt. Der Gedanke etwa, daß >>man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht<<, würde nicht auf den Zufall eines Waldes reagieren, den man zu sehen bekäme, und nicht auf die Bäume, die ihn unsichtbar machen. Wohl aber würde er sich wieder auf dem Wege einstellen, auf dem er entstanden ist. Man versuche den Tonfall, die Geste, in der man ihn gedacht haben könnte, bald wird es von etwas schimmern, das irgendwie >>verfehlte Wirkung<< oder >>klein vor groß<< ausdrückt, und schon sieht man den Wald, den man vor lauter Bäumen nicht sieht. In der Sprache denken heißt nun einmal, aus der Hülle zur Fülle kommen. Wie man des Traums der vergangenen Nacht innewird, wenn man wieder das Linnen spürt. Weil ich den Gedanken beim Wort nehme, kommt er. Hier findest du uns Adresse Rolf Jürgensen Friedrich-Ebert-Damm 52 22047 Hamburg Öffnungszeiten Montag – Freitag: 9–17 Uhr Samstag & Sonntag: 11–15 Uhr Über diese Website Kein Wunder, wenn ein Unfall nach dem andern passiert und die dienstwilligste Feder auf Abwege gerät.

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