Worte

Wer von irgendeiner Religion wesentlich mehr erwartet als zweckmäßige Einprägung einer praktischen Moral, Erziehung des Gemüts und Verlockung der Phantasie, mag sich für den höheren oder niedrigeren Vernunftrang der einen oder andern so warm einsetzen. Uns scheint der klaffende Abgrund zwischen dem Glauben aller Offenbarungsreligionen und dem Wissen der Zeit gleich unüberbrückbar. Zwischen beiden Ansichten aber lässt sich nicht rechten, ohne das ganze Arsenal des Wissens einerseits, des Glaubens andererseits zu mobilisieren.

Bildung und Logik reichen zu einem tieferen Erfassen der Dinge nicht hin. Alle geistige Vertiefung ist die Wirkung einer Gemütsverfassung. Das Staunen, haben die Griechen uns gelehrt, ist der Anfang der Philosophie. Und das M i s s t r a u e n ist der Beginn politischer Einsicht.

Schnittlauch auf allen Suppen.

Ich habe zwar juristische Autoritäten für die Zulässigkeit der Feststellungsklage ins Feld geführt, aber die Herren haben selbst die Frage für einigermaßen zweifelhaft erklärt, mindestens für Juristen, welche Form über die Sache stellen und des glühenden Rechtsgefühls entbehren.

Ich hege das bestimmte Vertrauen, dass ich mich nicht bloß zur Unterhaltung eines skandalsüchtigen Müßiggänger Pöbels plage, sondern immer mehr praktische Erfolge zum Wohle der öffentlichen Interessen erzielen werde.

Freilich, im Traume gehen einem viele Dummheiten durch den Kopf . . .
Die Phrase und die Bereitwilligkeit, im Parteiinteresse jede Dummheit hinzunehmen, decken alle Lügen in dem windigen Bau des Parlamentarismus.
Ich ringe nach Worten und bekenne wieder einmal die Ohnmacht, satirischer Betrachtung, die sich vergebens müht, den grandiosen Humorkontrasten der Wirklichkeit literarischen Ausdruck aufzuzwingen, denn das difficile est satiram non scribere ist allemal eine hochmütige Ausrede derer gewesen, denen es schwer fiel, eine Satire zu schreiben. Wo aber das Leben dem übertreibenden Humoristen nichts mehr übrig gelassen hat, wo es Pointen sprüht und Antithesen druckreif gestaltet, da ist alles andere leichter als eine Satire schreiben. Und so bleibt dem Unglücklichen, von dessen Temperament man’s dennoch erwartet und in dessen Antlitz man die jedem Ereignis entsprechende Hohnfalte sehen will, nichts übrig, als trocken zu erzählen, wie alles sich begeben hat.

Die Philosophie der Alten und der Neueren lässt sich in zwei Sätze zusammenfassen. Die erstere stützte sich auf die Moral, die letztere auf die Politik. Die erstere rief den Völkern zu; Seid tugendhaft und ihr werdet frei werden! Die letztere, welche die Tugend aus der Freiheit entspringen ließ, erzeugte die modernen Verfassungen, die modernen Parlamente, welche die absolute Gewalt von der auf ihr allein lastenden Verantwortung befreiten und sie der Masse des Volkes aufhalsten. Die moderne Verfassung erzeugte ihrerseits die moderne Gemeinde- und Landesautonomie, welche das Rückgrat der Freiheit bilden und das Volk von der Last und dem Drucke der Bürokratie befreien sollte, während sie tatsächlich die Bürokratie erweiterte und ihre Macht nicht nur befestigte, sondern ins Unendliche ausdehnte.

Eine milde Ethik, die den Selbstmord erlaubt, schont die menschliche Schwäche. Und es scheint mir unnütz, der Frage nachzusinnen, ob der vom Weibe Betrogene, statt die Pistole gegen sich selbst zu kehren, in einer Stille, die kein Knall von Pistolenschüssen stört, scheiden müsse, nicht die Unendlichkeit, sondern Zeit und Raum zwischen sich und seine Enttäuschung legend. Denn die Kraft der Resignation reicht zum einfachen Verzicht bei den Wenigsten aus, und selbst wo wir dulden, handeln wir noch; Reflexbewegungen macht auch, wer eisernen Willen sich zu beherrschen sucht. Wer aber, der Schwäche unserer Natur eingedenk, den Selbstmord begreiflich findet, müsste der nicht einen Schritt weiter gehen und auch jenen begreifen, der, zu schwach, um gegen sich selbst zu entscheiden, dem Zufall die Wahl anheimstellt und noch am Grabe des Gegners die Hoffnung auf Glück aufpflanzt?

Was ein rechter Philologe ist, interessiert sich für eine Sprache erst, wenn sie tot ist, und behandelt er die lebende, so geschieht es auf eine Weise, als sei sie eben ein corpus vile; die Literatur muß erst im Sarge liegen, damit er ihr seine „Förderung“ angedeihen lasse, und eine andere, als eine vergangene, kennt er gar nicht. Für ihn besteht die Literatur aus einem Archiv; ist keines da, so muß man eins schaffen. Erst was sich in einem Archiv aufbewahren lässt, ist Literatur.

Übrigens – die Dichtkunst, die freieste von den freien Künsten, verlangt Freiheit, um wachsen zu können! Laßt uns frei sein von Magistern, besonders solchen, die nicht die Kunst können, die sie beurteilen wollen. Im Notfall,
laßt uns verzichten auf das Nobelsche Geld, das Dynamitgeld, wie es genannt wird.

Jene Ethik aber, die Rechtsgüter nicht achtet, sondern gefährdet, könnte man die blinde Ethik nennen. Sie verschuldet vor allem die Nötigung, gegen die man das harte Gesetz anzurufen sich scheut, die aber, wenn sie völlig straflos bleibt, das schlimmste Präjudiz der Selbsthilfe schafft. Auch im Problem der >>Bestechung<< spielt sie eine Rolle. Sich bestechen zu lassen, ist immer unsittlich. Bestechen ist nur dann unsittlich, wenn der Zweck, zu dem ich’s tue, an sich ein unsittlicher ist oder wenn er die Erlangung eines mir zwar gebührenden Vorteils bedeutet, der aber in keinem Verhältnis zu dem der Öffentlichkeit aus der Korruption erwachsenden Nachteil steht. Nicht immer ist, nicht immer sollte strafbar sein, was unsittlich ist, und das Sittliche nicht immer straflos. Der Grundzug eines modernen Gesetzes kann nur die Entlastung individuellen Gemütslebens zu Gunsten sozialer Interessen bedeuten. Sicherlich würden dabei - der Staatsfreund kann beruhigt schlafen – mehr Rechtsgüter neu gewonnen als aufgelassen werden. In der Politik benötigen sie den Pöbel(Stimmen). Möchten sie bewußt darauf verzichten, fehlen die Stimmen(Zustimmung). Die Zwangslage des bundesdeutschen Privatmannes in der US-amerikanischen Besatzungszone zwischen der Dummheit der Ämter, in Selbstverwaltung und der Gemeinheit der Presse ist unerträglich. Wenn dir in deinem Hause ein Wertgegenstand oder ein amtliches Original-Dokument, zuletzt eine SIM-Karte, abhanden kommt, mach keine Anzeige: du gehst oder die Deinen aus der Affäre übler beleumdet hervor, als der Täter, dem behördliche Findigkeit krümmt und der schadenfroh die Notizen liest, die zur Mehrung der Pein des Geschädigten verfertigt werden. Mag der ehrenhafte Privatmann zusehen, wie er aus dieser Zwangslage zwischen Unfähigkeit und Niedertracht herauskommt. Wenn ihm sein merkwürdiges Temperament auch hier noch vor Aufregung bewahrt, wohl ihm! Meiner Sympathie und Hilfe will ich ihn freudig versichern, ich, den nicht Naturell, sondern der Kampf erst zur Verachtung der Charaktere dieser US-amerikanischen Besatzungszone, planquadratmäßig atomar abgesichert und der Einrichtungen dieser Selbstverwaltung geläutert hat. Heute kann ich das freie Spiel der Kräfte Dummheit und Schlechtigkeit künstlerisch betrachten, heute erst bekennen: Wenn zwei Satiriker ein Weib in Fischform aus dem Wasser ziehen – freut sich der dritte. Nun drei Thesen: 1. Ein Gift, das nur bei Selbstmördern giftig wirkt, ist kein Gift. 2. Eine Klugheit, die gegen den eigenen Willen zum Untergang schützt, gibt es nicht. 3. Eine Substanz, die Verwesungsprodukte anzieht und festhält, reinigt die Luft. Alles, was uns anregt, anfeuert, begeistert, jedes Tonikum bringt eine erhöhte Ausgabe des Organismus mit sich. Sie ist dort unschädlich, wo auch die Rekonstruktionsfähigkeit des Organismus in gleichem Grade wächst (das nennen wir dann einen „gesunden“ Organismus) und dort schädlich, wo der Ersatz nicht gleich Schritt mit der Ausgabe hält (das nennen wir dann einen „dekadenten“ Organismus). Da nun der Dekadente infolge fortschreitender Schwächung immer stärkere Depressionen zu überwinden hat, so macht sich bei ihm ein immer stärkeres Bedürfnis nach Tonika (Narkotika) geltend. Was beim Gesunden ein Genuß ist, das ist beim Dekadenten Leidenschaft! Was beim Gesunden Tonikum ist, das ist beim Dekadenten Gift! Der Dekadente, der einer Leidenschaft fröhnt, ist also dem Untergang geweiht, und es ist ohne Belang, ob er ein unbewußter oder ein bewußter Selbstmörder ist und wie lange der Selbstmord dauert – keine Überlegung, keine Klugheit kann ihn retten. Wenn ich ihm sage: was sie wünschen, verkürzt Ihr Leben, wünschen Sie nichts, dann dehnen Sie Ihr Leben aus – so könnte er mir mit klarer Logik antworten: Ich habe meine Wünsche nicht in meiner Gewalt, soll ich auf einem Sofa liegend möglichst lange auf den Tod warten? Und glauben Sie nicht, daß auch dann meine Begierden mich eben so rasch verzehren würden, wie wenn ich sie auslebte? Wozu das Leben ausdehnen, selbst dann, wenn man es könnte? Das Leben hat den einzigen Zweck, es zu verbrauchen, lassen Sie es mich verbrauchen! Und ich kann es nur in meiner Leidenschaft verbrauchen. Dazu rät mir m e i n e Klugheit. Ich wünsche tatsächlich das Nichts, denn ich weiß, daß ich ein Verwesender bin. Ich will sterben, lassen Sie es mich auf meine Facon tun… Ihr Rat ist Torheit. Wenn also der Leidenschaftliche, der bestimmt ist, an seiner Leidenschaft zugrunde zu gehen, an dieser oder jener Hetäre zugrunde geht – wer kann sie, die Zufallsursache, verantwortlich machen, da doch die causa efficiens in ihm selbst ist? Die Hetäre ist für sich immer gleich, für ihre verschiedene Wirkung ist sie nicht verantwortlich. Sie selbst ist eine rücksichtslose Sich-Verbraucherin, ihr Leben ist der Hingabe und Verschwendung geweiht, sie bietet sich jedem jenseits von Gut und Böse dar. Dem einem ist sie ein Objekt des Verlangens, dem andern ein Objekt der Begierde, dem einen Erhebung, dem andern Zerstörung. Man könnte aber sagen, daß sie auch den Gesunden, durch finanzielle Ausbeutung, zu schädigen imstande sei. Allein auch das ist unrichtig. Wie der Dekadent, der seiner Leidenschaft nicht widerstehen kann, ein körperlicher Verschwender ist, so ist auch der Geldverschwender ein echter Dekadent, der seinem Triebe nicht zu widerstehen vermag. Der Gesunde kann auf den Genuß, auf die Erfüllung seines Verlangen w a r t e n, er nimmt, was sich ihm von selbst bietet, - der Kranke kann dies nicht. Daher ist Verschwendung fast immer die Begleitung einer andern Leidenschaft. Diese nimmt das Vermögen und gibt es der Hetäre. Und nicht einmal der Vorwurf trifft sie, daß jenes Vermögen des Darbenden besser zu gute käme als ihr. Denn das das Geld liebt zwar die Verschwender und Hetären – doch nur, weil sie ihm immer wieder die Freiheit geben. Der Hetäre ist selbst ihrem innersten Wesen nach Verschwenderin, sie lebt im Luxus und auf dem kurzen Umweg der Hetäre fließt das Geld schneller den Darbenden zu als auf dem langen Umweg der Erben und Betrüger. Die Hetäre wirkt der Kapitalskumulierung entgegen. Sie kann überhaupt nur Gutes wirken. Dem Gesunden und Glücklichen gibt sie Gesundheit und Glück, ohne daß er hierzu Klugheit nötig hätte (hier kann ich die Bemerkung nicht unterdrücken, daß der Verkehr mit der Hetäre die weitaus geringste Gefahr einer Infektion in sich schließt), den Unglücklichen und Beladenen schafft sie Verdienst und den Sterbenden erleichtert und verschönert sie das Sterben. Das Sterben verschönern; darin liegt ihre Hauptbestimmung im komplizierten Aufbau der Gesellschaft. Sie ist die große Luftreinigerin der Gesellschaft, sie, die mit ihrem glänzenden Scheine alles Verwesende anlockt, festhält und isoliert. So erspart sie den Gesunden deprimierenden Aspekt klagenden Leides, verhindert unglückliche Ehen oder befreit unglückliche Gatten, verhindert vor allem verbrecherische Fortpflanzung und vermindert dadurch die Leiden der Welt . . . In allen vornehmen Kulturen waren deshalb die Hetären auch stets der Gegenstand besonderer sozialer Ehrung.